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Sexualstörungen
(Erläuterungen eines Tübinger
Sexualtherapeuten, Quelle: Internet)
1. Um welche Störungen
geht es?
Am meisten verbreitet sind Störungen im Bereich der Lust, der Erregung
und des Orgasmus, welche unabhängig voneinander oder kombiniert auftreten
können. Die Schwierigkeiten sind generell (schon bei der Masturbation),
partnerbezogen oder partnerunabhängig. Frauen leiden z. B. unter:
mangelnder Erregbarkeit, nicht zum Höhepunkt kommen, Hemmungen der
Lust, kein Interesse bis hin zu Abneigung oder Ekel, Schmerzen beim oder
nach dem Verkehr, teilweise in Verbindung mit psychosomatisch bedingten
gynäkologischen Problemen, wie z. B. hartnäckigem Genitalpilz.
Seltener ist durch Vaginismus (Scheidenkrampf) Sexualverkehr gar nicht
möglich. Weiter gibt es Ängste und Phobien in sexuellen Situationen
mit einem Partner.
Bei Männern sind Erektionsstörungen oder vorzeitiger Samenerguß
sehr verbreitet, seltener allgemeine Unlust oder Schmerzen beim Sex, öfter
überhöhte Ansprüche an sich selbst und/oder die Partnerin.
Seltener anzutreffen, sind Probleme mit der eigenen Homosexualität,
Transsexualität, Fetischismus, Transvestitismus, Exhibitionismus,
Pädophilie, Sexsucht.
Als Folge sexueller Mißerfolgserlebnisse bilden sich oft Erwartungs-
und Versagensängste, belastende Unzufriedenheit des Partners, Vermeidung,
Verlust des Selbstwertgefühls bis hin zu Depressionen und Beziehungskrisen,
welche in einem Teufelskreis weitere Störungen nach sich ziehen.
2. Wie kommt es
zu sexuellen Störungen?
Vielfältige Bedingungen können einzeln oder kombiniert zur Entstehung
beitragen: Hemmende sexualfeindliche Erziehung auf unterschiedlichem religiösem-kulturellem
Hintergrund und negative elterliche Vorbilder, sexueller Kindesmißbrauch,
fehlende oder belastende sexuelle Erfahrung in der Jugend oder spätere
traumatische sexuelle Gewalterlebnisse, aber auch Zusammenziehen der Partner,
Schwangerschaft, alptraumhafte Geburtserlebnisse sowie allgemein berufliche
oder private Überlastung, z. B. wie ein anstrengender Säugling
oder ein unzufriedener problematischer Partner kann obengenannte Störungen
heraufbeschwören. Seltener ist: "Es war schon immer so",
"ich hatte noch nie Interesse an Sex" und "könnte
gut leben ohne".
Aber auch anstrengende sexuelle Leistungsansprüche
können vom Kopf her den ansonsten spontan ablaufenden sexuellen Erregungsprozeß
blockieren, ebenso auch empfundene Gefahren und Risiken des sexuellen
Kontaktes wie z. B. Schwangerschaft, Aids, von anderen überrascht
werden.
3. Zur Therapie
In den ersten Kontakten werden im Einzelgespräch und mit Fragebögen
die Geschichte des Problems und die Hintergrundinformationen zusammengestellt
und gegebenenfalls ein Besuch beim Gynäkologen oder Urologen zur
Abklärung vorgeschlagen. Auch die Befragung des Partners ist oft
wichtig und bringt zusätzliche Informationen. Die Schweigepflicht
des Therapeuten gilt selbstverständlich auch gegenüber dem Partner
und auch außereheliche Erfahrungen sind von Interesse.
Sind die Grundbedingungen
für eine "Sexualtherapie" erfüllt?
Als langjähriger früherer Mitarbeiter der Pro Familia-Beratungsstelle
in Kirchheim/Teck sehe ich eine besondere Wichtigkeit in einer gesicherten
Empfängnisverhütung und dem Schutz vor gefährlichen Virusinfektionen
wie Aids und Hepatitis B und C. Weiter sollen keine aktuellen organischen
Ursachen vorliegen bzw. medizinische Behandlungsmöglichkeiten wurden
versucht oder werden kombiniert angewendet, z. B. Hormone, Viagra, spezielle
Psychopharmaka gegen Angst und Depressionen. Es sollte auch keine Alkohol-
oder Drogensucht sowie schwere Depressionen oder Psychose vorliegen. Wichtig
ist eine allgemein ausreichende positive Beziehungsgrundlage mit Zeit
für Kontakt, ca. drei Mal eine Stunde pro Woche zu Hause und für
Therapiesitzungen einmal pro Woche 50 Minuten. Auch sollte die "Wellenlänge"
zwischen Therapeut und KlientIn stimmen. Die Therapeut-Klienten-Beziehung
soll vertrauensvoll und offen sein. Können sich Klienten wegen Streit,
Überlastung, Depression und allgemeiner Beziehungsprobleme nicht
auf die körperliche Ebene einlassen, werden wir zunächst diese
Probleme schwerpunktmäßig angehen. Die Ansätze des Paartherapiekonzeptes,
welches von Dr. Hans Jellouschek und Margarete Kohaus-Jellouschek auf
dem Hintergrund systemischer Familientherapie und Transaktionsanalyse
entwickelt wurde, erscheinen mir neben dem strukturierten Verhaltenstherapie-Kommunikationstraining
von Prof. Dr. Dirk Zimmer u. a. am effektivsten.
In aufeinander aufbauenden Schritten, wie schon bei Masters und Johnson,
stehen zunächst Entspannung, Angstabbau und die Ermöglichung
angenehmer Empfindungen im Vordergrund, bevor in weiteren Teilschritten
intensivere sexuelle Verhaltensweisen in die Anleitungen für Zuhause
einbezogen werden. Um den destruktiven Teufelskreis von Mißerfolg,
Enttäuschung und Versagensangst zu durchbrechen, dürfen die
Partner zunächst in vielen Fällen wirklich nicht über die
allgemeine und abwechselnde nichtsexuelle Partnermassage hinausgehen.
Aktiv und passiv geben und nehmen ist hier für beide gleich verteilt
und eine spezielle Abfolge von 6 Teilschritten gibt den Partnern für
die Dreiviertelstunde zu Hause Struktur und Sicherheit. Die gemachten
Erfahrungen werden dann in der wöchentlichen Therapiesitzung besprochen.
So wird es auch für die späteren intensiveren sexuellen Verhaltensweisen
schrittweise leichter, entspannter darüber zu reden, spezifische
Wünsche zu äußern, Rückmeldung zu geben oder auch
Anleitungen an den Partner ohne Tabu. Jeder soll sich trauen lernen, seine
Phantasie kreativ auszuprobieren.
Unter Alltagsbedingungen ist es nicht immer leicht,
dreimal pro Woche eine störungsfreie Zeit zu finden, angenehme Atmosphäre
zu schaffen und entsprechende Stimmung zu erzeugen. Teilweise rücken
auch tieferliegende Partnerkonflikte in den Vordergrund, wenn es um das
Handeln geht. In der direkten körperlichen Begegnung werden teilweise
auch deutlichere Gefühle ausgelöst und offenbar. Anfängliche
Unsicherheiten, Aversion oder Mißempfindungen können sich durch
dabeibleiben aber auch auflösen.
Und wenn kein Partner da ist oder er oder sie nicht
mitkommen will, weil: "ich bin doch nicht verrückt und geh'
zum Seelenklemptner, das ist doch Dein Problem!"?
Ein Teil des Veränderungsprozesses besteht
sowieso in Selbsterfahrungspraxis des einzelnen von Entspannungsmethoden,
Aufbau von Selbsterregungsmöglichkeiten und hinzukommenden mentalen
Training und Phantasie. Für den individuellen Fall werden wiederum
speziell abgestimmte Teilschritte entwickelt und die Erfahrungen in den
Therapiesitzungen besprochen. Zur Bearbeitung von inneren hemmenden Anteilen
u. a. elterlichen Verboten, Vorschriften oder traumatischen Erlebnissen
können auch Methoden aus dem NLP der Hypnotherapie, EMDR - eine neue
Methode zur Verarbeitung traumatischer Erinnerungen, Gestalttherapie und
Transaktionsanalyse zum Einsatz kommen.
Mit besserem sexuellen Selbstwertgefühl ist
es eine Frage der Zeit und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen, um eine
Partnerschaft zu erreichen.
4. Wie lange dauert
eine Therapie?
Manchmal nur einige Termine, meist aber zwischen 20 und 60 Sitzungen,
bei schwerwiegenden Problemen wie z. B. belastender Trennung, sexuellem
Mißbrauch als Kind und Depression kann auch die Höchstgrenze
der gesetzlichen Krankenkassen von maximal 80 Sitzungen a 50 Minuten Verhaltenstherapie
nötig werden. Die Dauer hängt auch von der Häufigkeit häuslicher
körperlicher und sexueller Übungsaktivität ab. Im Rahmen
des Ausbildungsprogrammes der Uniklinik Hamburg wird eine stringente Paartherapie
bei täglichen Sitzungen unter Urlaubsbedingungen ohne Kinder nach
18 Tagen beendet. Entsprechend zielorientiert und an den praktischen Erfahrungen
bleibend ist der Einsatz der Beteiligten. (Nur ca. 12 Paare pro Jahr werden
in den Hamburger Sommerferien angenommen).
Die Therapiedauer hängt weiter auch mit der
Art der Probleme zusammen. So ist der Vaginismus (Scheidenkrampf), bei
welchem noch nie Geschlechtsverkehr möglich war, oder den Orgasmus
noch nie erreicht zu haben und die plötzlich aufgetretene Erektionsstörung
in aller Regel wesentlich einfacher und erfolgreicher zu verändern,
als die nach 10 bis 15 Ehejahren einschleichende Lustlosigkeit mit Erregungs-
und Orgasmusstörung. Wichtige Faktoren für Dauer und Therapieerfolg
sind auch die sich entwickelnde Offenheit, Experimentierfreudigkeit, Motivation
und positive Grundstimmung der Beteiligten. Auch die Qualität der
eventuellen Partnerbeziehung und die therapeutische Beziehung sind neben
den verwendeten Methoden ausschlaggebend. Auch ist nicht jeder Zeitpunkt
der richtige, um sexuelle Probleme anzugehen. Berufliche Überlastung
und fehlende Zeit, anstehende Prüfungen, Schwangerschaft, schreiende
Kleinkinder, Krankheit oder andere belastende Lebensumstände stellen
möglicherweise andere, existentiellere Themen dar.
Und wenn gar nichts
mehr geht?
Unpassende Partnerkombination stellt sich in der Therapiepraxis auch gelegentlich
bald heraus. "Drum prüfe, wer sich ewig bindet (und sich ständig
abmüht, die Beziehung erträglich zu gestalten), ob er oder sie
nicht etwas besseres findet (nicht erst mit 60)." Zur Entscheidungsfindung
in dieser Frage und zur eventuellen Trennungsbewältigung stehen wiederum
spezialisierte Verhaltenstherapie-Konzepte zur Verfügung. Verhandlungsstrategien
für eine einvernehmliche Trennung können erarbeitet werden,
um mit späterer juristischer Hilfe, falls nötig, die Belastung
zu begrenzen.
In einigen Fällen waren die früheren
Probleme mit einem neuen passenden Partner nach den üblichen Anfangsschwierigkeiten
bald verschwunden. Neues Spiel - Neues Glück - die zwischen den Ex-Partnern
eingeschliffenen negativen Teufelskreise, Mißerfolgserwartung und
Enttäuschung konnten vergessen werden.
Wenn die Therapieziele erreicht sind, kann die Therapie jederzeit aufhören,
eventuell sind noch 2 bis 3 Gespräche in größeren Abständen
sinnvoll, um für sporadische Rückschläge noch Gesprächsmöglichkeiten
zu bieten und einen größeren Zeitraum von z. B. einem Dreivierteljahr
zu überschauen.
Therapieziel ist übrigens nicht der dreifache
gleichzeitige Orgasmus mit Ekstase in 5 Stellungen sondern die Zufriedenheit
beider Partner mit ihrem sexuellen Erleben, sich selbst und der Beziehung.
Nachfolgend noch ein paar Lesetips. Nur die wichtigste
von mir in der Therapie verwendete und gut lesbare Literatur mit konkreten
Anleitungen zur Veränderung wird angegeben.
5. Literatur:
· Jellouschek, H. (1998). Die Kunst als
Paar zu leben. Kreuz. ca. 30 DM.
ISBN: 3783111501
· Jellouschek, H. (1998). Wie Partnerschaft
gelingt - Spielregeln der Liebe. Herder. ca. 28 DM.
ISBN: 3451266601
· Barbach, L. & Levine, L. Der einzige
Weg Oliven zu essen - und andere intime Geständnisse. Ullstein-Tb.
ca. 14.90 DM
ISBN: 3548207774
· Lazarus, A. Fallstricke der Liebe - 24
Irrtümer über das Leben zu Zweit. dtv-Tb. ca. 15,50 DM
ISBN: 3423361859
· Jellouschek, H. (1998). Wie Partnerschaft
gelingt - Spielregeln der Liebe. Herder. ca. 28 DM.
ISBN: 3451266601
· Friday, N. (1992). Befreiung zur Lust
- Frauen und ihre sexuellen Phantasien. Goldmann-Tb. ca. 17 DM
ISBN: 3442124719
©
Herbert Wagner, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe,
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