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Nabelschnurbluteinlagerung
Viele Schwangere sind verunsichert, ob Sie für
Ihr Kind Wesentliches versäumen, wenn Sie die Gelegenheit zur Aufbewahrung
des frischen Nabelschnurblutes unmittelbar nach der Entbindung nicht nutzen.
Unternehmer mit rein kommerziellem Interesse nutzen solche Ängste
und propagieren die extrem teure Lagerung unter Hinweis auf mögliche
Vorteile.
Im Deutschen Ärzteblatt (Nr.99, Heft 19 vom
10.05.02, Seite A-1276) wird zu dieser Problematik Stellung genommen:
Autologes Nabelschnurblut:
Luxusvorsorge für Utopisten
Die Wahrscheinlichkeit der Nutzung eines prophylaktisch kryokonservierten
Nabelschnurblutes im Kindesalter ist gering und eventuell nur zweite
Wahl.
Die Frage bekommen Ärzte mittlerweile häufiger
gestellt: Ist es sinnvoll, bei der Geburt unseres Kindes das Nabelschnurblut
für den Eigengebrauch einfrieren zu lassen? Zumindest zwei Firmen
Cryo-Care in Köln und Vita 34 in Leipzig
bieten in Deutschland den Service für Preise zwischen 1 300
und 3 300 Euro an, je nachdem, ob man die Zellen 20 Jahre oder 99 Jahre
in den Stickstofftanks der Unternehmen einlagern will.
Und auf den ersten Blick erscheint die Idee reizvoll: Nabelschnurblut
enthält Stammzellen, die ansonsten mit der Plazenta weggeworfen würden.
Schon seit Mitte der 90er-Jahre sammeln einige Blutbanken diese Stammzellen,
um sie für Transplantationen aufzubereiten. Doch diese Spende ist
für die Eltern kostenlos, die Proben werden anonymisiert und stehen
dann über ein Netzwerk allen potenziellen Empfängern zur Verfügung.
Mehrere Tausend Transplantationen von fremdem Nabelschnurblut haben bereits
weltweit stattgefunden.
Gesundheitsvorsorge
oder doch eher eine Geschäftsidee?
Der Service, den die Firmen anbieten, hat mit diesem altruistischen Spendersystem
nichts zu tun. Sie frieren die Zellen zur Eigenverwendung nur für
das Kind weg, von dem Nabelschnur und Plazenta stammten. Das sei eine
Gesundheitsvorsorge für Eltern, die sicherlich
alles Erdenkliche tun [möchten], um ihrem Kind den bestmöglichen
Start ins Leben zu ermöglichen, schreibt Cryo-Care.
Die Geschäftsidee verknüpft die leicht auszulösende Sorge
der Eltern mit der Fantasie, die sich um Stammzellen rankt. Doch wie gut
sind die Aussichten, dass ein Kind seine Zellen jemals braucht? Jene Spezialisten,
die seit zwei Jahrzehnten vor allem Leukämiepatienten mit Stammzellen
aus Blut und Knochenmark behandeln, wiegeln ab. Die Wahrscheinlichkeit,
dass ein Kind seine Zellen jemals selbst brauchen wird, ist so klein,
dass es sich nicht lohnt, sie für den Eigenbedarf wegzufrieren,
sagt Prof. Anthony Ho von der Universität Heidelberg. Auch sein US-Kollege
Prof. Edward Ball von der University of California in San Diego würde
dazu nur ausnahmsweise raten, beispielsweise, wenn in einer Familie bereits
Leukämien aufgetreten sind.
Die Skepsis der Transplanteure gegenüber autologem Nabelschnurblut
hat zwei Gründe. Zum einen ist das Risiko, dass ein Kind an einer
Leukämie erkrankt, die dann mit einer Stammzelltransplantation behandelt
werden muss, sehr klein. Die Österreichische Gesellschaft für
Hämatologie und Onkologie hat beispielsweise errechnet, dass die
Wahrscheinlichkeit der Nutzung eines prophylaktisch kryokonservierten
Nabelschnurblutes im Kindesalter in der Größenordnung von 1
: 15 000 liegt.
Selbst für ein Kind mit Leukämie wäre eine Transplantation
der eigenen Stammzellen nur zweite Wahl, sofern sich ein geeigneter Fremdspender
findet. Die Heilungsraten liegen zehn bis 15 Prozent schlechter,
wenn man eigene statt fremder Zellen verwendet, sagt Ho. Zudem muss
man damit rechnen, dass zumindest bei der häufigsten Leukämie-Variante
von Kindern, der Akuten Lymphoblastischen Leukämie, schon zum Zeitpunkt
der Geburt Vorläufer der späteren Tumorzellen im Blut der Kinder
zu finden sind (Lancet 1999; 354: 1499). Das eigene Nabelschnurblut würde
dann ein hohes Rückfallrisiko bedeuten.
Doch da gibt es eben noch die Hoffnung auf zukünftige Therapien.
Bezeichnend ist, dass auch einige Fachleute durchaus an das Potenzial
der Nabelschnurstammzellen glauben. Beispielsweise die Stammzellforscherin
Dr. Anna Wobus vom Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben: Embryonale
Stammzellen, deren Erforschung der Bundestag deutschen Wissenschaftlern
vorletzte Woche endgültig erlaubt hat, seien weit von einer Anwendung
entfernt, sagt sie. Doch bei Nabelschnurstammzellen fällt ihre Einschätzung
optimistischer aus. Wobus: Ich würde die Zellen für mein
eigenes Kind wegfrieren lassen, wenn ich in der Situation wäre.
Auch Prof. Donald Orlic, der an den Nationalen Gesundheitsinstituten der
USA Stammzelltherapien gegen Herzinfarkt erforscht, hält die Idee,
Nabelschnurblut zur Eigenverwendung zu konservieren, nicht für völlig
unsinnig: Wer weiß, was in zehn oder 20 Jahren mit Stammzellen
aus Nabelschnurblut oder Knochenmark medizinisch möglich sein wird,
sagt Orlic.
Natürlich können auch die beiden Stammzellforscher keine Prognose
geben, wozu die Zellen einmal taugen könnten. Es scheint durchaus
möglich, dass sich einige Typen adulter Stammzellen irgendwann
einmal für Therapien nutzen lassen. Auf einem gemeinsam von der Universität
Heidelberg und der University of California in
San Diego veranstalteten Stammzell-Kongress verdichteten sich die Hinweise,
dass zumindest ein Typ adulter Stammzellen ausgesprochen wandlungsfähig
zu sein scheint: mesenchymale Stammzellen, die sich aus Knochenmark,
aber auch aus Nabelschnurblut gewinnen lassen. Schon länger haben
Forscher die Vermutung, dass diese Zellen pluripotent sind, also in der
Lage, sich in ganz verschiedene Gewebe des Körpers zu entwickeln.
Einen direkten Beleg für diese Fähigkeit lieferte in Heidelberg
Graca Almeida-Porada von der University of Nevada in Reno (USA). Ihre
Gruppe hatte aus menschlichem Knochenmark mesenchymale Zellen gewonnen
und dann über 3 800 der Zellen einzeln in jeweils ein eigenes, kleines
Kulturgefäß sortiert. 24 Zellen überlebten die Prozedur
und begannen sich zu vermehren. Die Nachkommen von acht dieser 24 Zellen
haben die Forscher dann in Föten von Schafen injiziert. Nach der
Geburt der Tiere fand die Gruppe, dass sich in zwei Tieren Nachkommen
der menschlichen Zellen zu Blut-, Leber- und Hautzellen entwickelt hatten,
weitere Gewebe untersucht die Gruppe noch. Das legt nahe, dass mesenchymale
Stammzellen tatsächlich pluripotent sind, sagt Almeida-Porada.
Klinische Studie mit mesenchymalen Stammzellen
Für diese Zellen spricht auch, was Dr. Allan Smith vom US-Biotechnologieunternehmen
Osiris in Heidelberg vorstellte: Danach scheinen mesenchymale Stammzellen
auch bei allogener Transplantation keine Abstoßungsreaktion auszulösen.
Smith hofft, vorgefertigte Stammzellpräparate entwickeln zu können,
die es unnötig machen, für jeden Patienten eigene Stammzellen
zu entnehmen. Das Unternehmen bereitet eine klinische Studie vor, die
überprüfen soll, ob mesenchymale Zellen Meniskusschäden
im Knie reparieren können. Wenn die Behörden zustimmen,
wollen wir in drei Monaten beginnen, sagt Smith.
Doch kennzeichnend ist, dass diese Versuche nicht auf autologen Nabelschnurzellen,
sondern auf allogenen Stammzellen aus dem Knochenmark beruhen. Und das
wird auf Jahrzehnte hinaus so bleiben, weil Herzinfarkt, Parkinson, Diabetes
mellitus Typ 1 und andere Krankheiten, die auf der Liste der Stammzellforscher
stehen, eine Gemeinsamkeit haben: Von den Betroffenen wird auf Jahrzehnte
hinaus keiner eigene Nabelschnurzellen haben.
Alleine diese Tatsache sorgt dafür, dass Forscher, die heute nach
Stammzelltherapien suchen, gezwungen sind, sich auf andere Zellquellen
zu konzentrieren.
Diese Logik macht es noch unwahrscheinlicher, dass
sich die Investition in eigene Nabelschnurstammzellen lohnt: Wer daran
glaubt, dass es tatsächlich in absehbarer Zeit Stammzelltherapien
geben sollte, muss auch davon ausgehen, dass diese Therapien nicht auf
eigenes Nabelschnurblut angewiesen sein werden. Sonst wären sie für
fast alle Patienten nutzlos.
©
Herbert Wagner, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe,
Eisenbahnstr. 52., 50189 Elsdorf, Tel.: 02274 7927, Fax: 02274 4534
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